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Überdachung der Ruine Jagdschloss Platte

Auf 500 m ü. NN liegt das Jagdschloß Platte mit einmaliger Fernsicht über Wiesbaden, Rheintal und Taunus. Nach schwerer Zerstörung im 2. Weltkrieg erhielt die Ruine im Jahr 2003 ein imposantes Glasdach, um sie vor weiterer Zerstörung durch Witterungseinflüsse zu schützen.




Geschichte bis zur Zerstörung 1945

In den Jahren 1823-1826 wurde das Jagdschloß im Auftrag von Wilhelm Herzog zu Nassau durch den Hofbaumeister Friedrich Ludwig Schrumpf erbaut. 1839 nach Wilhelms Tod geht das Jagdschloß auf Herzog Adolf über. 1866 geht das Herzogtum Nassau im Königreich Preussen auf, das Jagdschloß verbleibt im Besitz Herzog Adolfs. Adolf wird 1890 durch Erbfolge Großherzog von Luxemburg. Er stirbt im Jahre 1905.

1913 verkauft das Großherzogtum Luxemburg das Jagdschloß an die Stadt Wiesbaden, die es unterschiedlichen Nutzungen zuführt. Am Ende des 2. Weltkrieges  beherbergt das Jagdschloß eine Flugabwehrleitstelle und wird zum Angriffsziel. Durch Bombentreffer in den letzten Kriegstagen wird das Jagdschloß schwer zerstört.


      
 
Historische Lithographie um 1830                                   Zerstörung 1945

Aufgrund seiner reizvollen Lage bildet das Jagdschloß seit jeher einen Anziehungspunkt für gesellschaftliches Leben. War dies ursprünglich adligen Schichten vorbehalten, die sich dort zu herbstlichen Jagden im wildreichen Taunus trafen, so stehen heute Ort und Gebäude der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung. Das Jagdschloß ist beliebtes Ausflugsziel und Ausgangspunkt zahlreicher Wanderungen, Mountainbike- oder Skilanglauftouren.
Die Wiese vor dem Schloß ist bei entsprechenden Schneeverhältnissen ein herrlicher Rodelhang.

Architektur

Die Architektur des Schlosses zeichnet sich durch seine klare kubische Form mit zurückhaltender Fassadengestaltung aus. Alle Fassaden sind durch klassische dreiachsige Mittelrisaliten gleich gegliedert. Lediglich in der talseitigen Südfassade wird der Mittelrisalit durch die Ausbildung ionischer Säulen zusätzlich betont. Flache Giebeldreiecke akzentuieren die Mittelachsen.
Auf dem als Pyramidenstumpf ausgebildeten Dach befand sich eine Aussichtsplattform.

Die Architektur des Gebäudeinneren wird geprägt von der Treppenhaus-Rotunde über alle Stockwerke. Eine großzügige zweiläufige Wendeltreppe erschließt das Obergeschoß und die umliegenden Räume. Die Rotunde wird überwölbt von einer kassettierten Kuppel, deren Gestaltung sich am römischen Pantheon orientiert. Den oberen Kuppelabschluß bildet eine verglaste Öffnung, durch die Tageslicht ins Gebäudeinnere gelangt.

Geschichte bis 2002

Nach der Zerstörung im zweiten Weltkrieg verfiel die Ruine in einen Dornröschenschlaf. Wind und Wetter zehrten jedoch an der ungeschützten Bausubstanz. I
m Jahr 1987 gründete sich die heutige „Stiftung Jagdschloß Platte e. V.“ mit dem Ziel den Wiederaufbau des Jagdschlosses zu ermöglichen.

Im September 1989 konnte in einem ersten Bauabschnitt die Ruine gesichert und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Es wurde zunächst Schutt beseitigt und üppiger Bewuchs im Inneren entfernt. Anschließend wurden neue Stahlbetondecken über Keller- und Erdgeschoß eingebaut und die Aussenwände saniert und neu aufgemauert.
Historische Bauteile wie Säulen oder Reste der Sandsteintreppen wurden soweit möglich an ihren ursprünglichen Standorten wiederaufgebaut und gesichert. Durch die Anlage von Treppen, sanitären Anlagen und Absturzsicherungen wurden die Voraussetzungen für die Nutzung der Ruine geschaffen.
Über mehr als 10 Jahre war die Ruine Schauplatz privater oder öffentlicher Veranstaltungen wie Familien- oder Betriebsfeiern, Hochzeiten, Ausstellungen oder Konzerten. Der burgartige Charakter der Ruine sorgte für außergewöhnliches Ambiente. 

Überlegungen zu Wiederaufbau und Denkmalschutz

Ziel der Initiative Jagdschloß Platte bleibt der vollständige Wiederaufbau des Jagdschlosses. Der weiterhin ungeschützte Zustand der Ruine erforderte regelmäßige Instandsetzungsmaßnahmen und verschlang entsprechende Gelder. Der Errichtung eines Daches zum Schutz vor Witterungseinflüssen kam daher Priorität zu. Gleichzeitig kann die Ruine durch Ergänzung von Fenstern und Haustechnik ganzjähriger, wirtschaftlicher Nutzung zugeführt werden.
Ein originalgetreuer Wiederaufbau hätte dies nicht leisten können und wäre auch aus Denkmalpflegerischer Sicht nicht befriedigend gewesen..

Ursprüngliche Überlegungen ein modernes Glasdach in der historischen Form zu verwirklichen wurden bald verworfen. Der ausdrucksschwache Kompromiss aus historischer Architektur in moderner Konstruktion konnte nicht überzeugen. Stattdessen wurde durch den Architekten H. P. Gresser, eine Idee Prof. Gottfried Kiesows aufgreifend,  ein Glasdach in eigenständiger, zeitgemäßer Architektur entwickelt.
Vier umgedrehte, weit über die Ruine auskragende Pyramiden „beschirmen“ die verbliebene historische Bausubstanz. Durch ein umlaufendes Lichtband zwischen Mauerkronen und Dach entsteht eine klare optische Trennung zwischen Alt und Neu. Der Ruinencharakter des Schlosses bleibt weitgehend erhalten.
Die quadratische Geometrie der Kelche greift die kubische, schlichte Architektursprache auf. Fast zufällig bilden die Verschneidungen der Pyramidenkanten mit dem Lichtband die historischen Gesimse über den Mittelrisaliten nach.


      
(zur größeren Ansicht Bilder anklicken)                                       

Planung des Daches

Die Konstruktion des Daches stellte architektonisch und ingenieurtechnisch hohe Anforderungen an die Planungsbeteiligten. Im Folgenden sind einige Parameter zusammengestellt die bei der Planung berücksichtigt wurden:

Ziel der Planung war eine „Glashaut“ über das Gebäude zu ziehen, die optisch möglichst wenig durch Konstruktionselemente unterbrochen werden sollte. Die Glashaut soll über der Konstruktion „schweben“, um die Leichtigkeit der Erscheinung zu betonen. Es kommen daher oberhalb des Stahltragwerks punktgelagerte Scheiben zum Einsatz. Auf der Grundlage aufwendiger Tragfähigkeitsversuche wurde die bauaufsichtliche Zustimmung im Einzelfall erwirkt.
Das Glasdach ist zu Reinigungszwecken begehbar. Dies erfordert entsprechend dimensionierte Glasscheiben und Sicherungseinrichtungen für das Reinigungspersonal.



Das Tragwerk sollte möglichst „filigran“ ausgebildet werden. Auf der Platte sind erhebliche Lasten aus Schnee und Wind abzutragen. Mögliche Schneesackbildungen in den Klechen sind zu berücksichtigen.
Wind greift unter die flügelartigen Auskragungen des Daches und erzeugt abhebende Soglasten. Die Tragelemente der Glaseindeckung wurden als schlanke Flachstahlträger ausgebildet, deren Höhe dem Beanspruchungsverlauf angepasst wurde. Es wurden sorgfältige Stabilitätsuntersuchungen durchgeführt, um die kippgefährdeten Profile nachzuweisen.
Die Dachlasten werden über die Außenwände und im Gebäudeinneren über „Fischbauchträger“ abgetragen. Um das Erscheinungsbild der Tragkonstruktion zu strukturieren und zur Betonung der Achsen der Mittelrisaliten wurden sie als Vollwandträger ausgeführt. Verformungen der Tragkonstruktion unter Lasten und Temperaturveränderungen mussten auf die Verträglichkeit mit den Glasscheiben und der Verfugung abgestimmt werden. Bauteilstärken, Fugenbreiten und die Punktlager der Scheiben wurden variiert bis die Verträglichkeiten nachgewiesen werden konnten.

      
Fischbauchträger (zur Großansicht anklicken)              Punklager der Scheiben

Die Entwässerung des Daches muß über die Tiefpunkte der Kelche erfolgen. In den 4 Zentralstützen unter den Kelchen sind jeweils 2 Entwässerungsrohre angeordnet. Ein Rohr dient als Notüberlauf im Falle einer Verstopfung des Einlaufes. Einläufe und „Kehlrinnen“ auf dem Dach können beheizt werden, um auch in kritischen Temperaturbereichen oder bei Schneeansammlungen ein einwandfreies Ablaufen des Wassers zu gewährleisten.

Das bauphysikalische Verhalten des Gebäudes unter der großen Glasfläche wurde durch Klimasimulationsberechnungen ermittelt. Die Verwendung speziell beschichteter Glasscheiben gewährleistet ein behagliches Raumklima im Gebäude auch bei intensiver Sonneneinstrahlung. Unterstützt wird die Klimatisierung durch öffenbare Lamellenverglasungen im vertikalen Lichtband, die eine natürliche Querbelüftung unterhalb der Glasebene ermöglichen.
Die Stahlrippen durchdringen die vertikale Glashaut ohne thermische Trennung. Zur Vermeidung von Kondenswasseranfall ist auf der Mauerkrone ca. 1,0m unterhalb der Durchdringungspunkte ein Heizungsrohr geführt.

Entwurf und Bemessung der Stahlkonstruktion

In der Vorplanungsphase wurden verschiedene Tragwerksvarianten entworfen und vordimensoiniert. Es wurde mit Profilquerschnitten, Stützenstellungen, Ab- und Unterspannungen „gespielt“, die Realisierbarkeit aller funktionalen Aspekte überprüft und das Erscheinungsbild mit dem Architekten abgestimmt. Hieraus entwickelten sich die endgültigen Schirmstrukturen, jeweils bestehend aus Zentralstütze, Diagonalstützen und einem quadratischen Kranz aus Rundrohren, in den die Pyramide aus Flachstahlrippen eingehängt wurde.

Für die Voruntersuchungen wurden Einzelbauteile mit verschiedenen Programmen dimensioniert. Anschließend wurde das Gesamtsystem mit einem Räumlichen Stabwerksprogramm modelliert und analysiert. Alle statischen Untersuchungen wurden am Modell eines Schirmes durchgeführt und die Verbindung zu den anderen Schirmen durch Lager näherungsweise modelliert. Intern wurde auch ein System aus 4 Schirmen eingegeben. Es zeigte sich jedoch, dass die Ergebnisse nur unwesentlich beeinflusst wurden, so dass die Berechnung zugunsten der Übersichtlichkeit auf einen Schirm beschränkt werden konnte.

Besonderes Augenmerk wurde auf die Stabilitätsnachweise der Rippen gerichtet. Sie wurden in ihrer Ebene als ein Fachwerk aus Flachstählen abgebildet . Unter Ansatz einer kleinen Querlast wurden die tatsächlichen Lasten bis zur Verzweigungslast gesteigert und nachgewiesen, dass ausreichender Sicherheitsabstand zur tatsächlichen Belastung gegeben ist. Die Vergleichsrechnungen des Prüfingenieurs mit räumlichem FE-Programm ergaben gute Übereinstimmungen.

Montage des Daches

Nach intensiver Planung konnte im Sommer 2003 mit dem Bau des Daches begonnen werden. Stück für Stück wurden einzelne Bauelemente ebenerdig vormontiert und mit dem Autokran in die endgültige Position gehoben. Nach Montage der Stahlkonstruktion wurde ein Drahtnetz in Glasebene und Bohrungsachsen gespannt, um die Lage der Glashalter einzumessen und zu kontrollieren. Trotz großer Sorgfalt bei Herstellung, Montage und Ausrichtung der Stahlkonstruktion wurden örtlich Unterfütterungen der Glashalterungen erforderlich, um die Ebenheit der Scheiben und der Gesamtflächen zu gewährleisten.
Anschließend konnten die für jede Position individuell angefertigten Glasscheiben montiert und die Verfugung durchgeführt werden. Aufgrund widriger Witterungsbedingungen konnten die Fugen jedoch erst im Frühjahr 2004 fertiggestellt werden.

Die nächsten Schritte

Weitere geplante Bauabschnitte sehen den Ausbau der Ruine vor. Nach Austrocknung der jahrzehntelang bewitterten Mauern und Sandsteinelemente werden diese saniert und instandgesetzt. Durch Einbau von Fenstern und Türen wird eine dichte Gebäudehülle geschaffen. Heizung, Beleuchtung, sanitäre Anlagen etc. werden installiert. An der talseitigen Wand soll innen eine öffentlich zugängliche Aussichtsplattform errichtet werden, die den weiten Blick über Baumkronen hinweg freigibt.

 

Weitere Informationen unter:

AHRENS INGENIEURE
Dipl.-Ing. E. Ahrens
Ahrens Ingenieure
Moritzstraße 29
65185 Wiesbaden

Tel.  0611-4620781
Fax .0611-4620789
www.ahrens-ingenieure.de

Projektdaten

Bauherr:
Stiftung Jagdschloß Platte e. V.
An der Ringkirche 6
65197 Wiesbaden

Architekt:
H. P. Gresser
Nerobergstraße 15
65193 Wiesbaden

Tragwerksplanung: 
(Stahlbau+Bestand)
Dipl.-Ing. E. Ahrens
Ahrens Ingenieure
Moritzstraße 29
65185 Wiesbaden

Link: ahrens-ingenieure.de

vormals
Ahrens+Gerlach GmbH

Glasplanung:  
Ingenieurbüro Bangratz
Paul-Göbel-Straße 1
74076 Heilbronn
www.bangratz.de

Haustechnik:
Abels+Habicht GmbH
Weingartenstraße 28
64367 Mühltal/Traisa

Stahlbau:
Eichsfelder Stahlbau GmbH
Heuthener Straße
37308 Geisleden

Glasbau: 
Fa. Göbel

Prüfingenieure
Tragwerk:
Prof. Dr.-Ing. S. Kind
Bahnhofstraße 28
65185 Wiesbaden
www.buero-kind.de

Glasstatik:
LGA Würzburg
Dreikronenstraße 31
97082 Würzburg

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Crosslinks zum Thema
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Buchtipps:

Glasbau-Praxis
(Bauwerk-Verlag)

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Fassadenschichtungen Glas (Bauwerk-Verlag)
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Entwurf und  Bemessung von tragenden Bauteilen aus Glas (Verlag Ernst & Sohn) >> PDF

Glas im Konstruktiven Ingenieurbau (Verlag Ernst & Sohn) >> PDF


Experten:

Prof. Ö. Bucak
FH-München