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[Interview:]
Expertenmeinung Fünf Fragen zu diesem Thema stellten wir dem renommierten Stahlbau-Experten Prof. Ömer Bucak von der Fachhochschule München:
? Herr Prof. Bucak – welche Normen und Anwendungsbestimmungen sind für den Einsatz kalt- und warm gefertigter Hohlprofile im Stahlbau maßgeblich?
Neben der Deutschen Stahlbaugrundnorm DIN 18800 sind die Regelungen der DIN 18808 „Konstruktion und Bemessung von Stahlhohlprofilen“ mit den zugehörigen NAD und der neuesten Ausgabe des Eurocode 3 der DIN EN 1993-1-1 die Normen, die wir für die Tragfähigkeits- und Gebrauchstauglichkeitsnachweise benötigen. Hinzu kommt EC 3 (DIN EN 1993-1-8) für die Knotentragfähigkeitsnachweise. Es soll in diesem Zusammenhang ausdrücklich betont werden, dass die letztgenannten Normen in der Bundesrepublik noch nicht bauaufsichtlich eingeführt sind. Man darf diese aber bei bestimmten Berechnungen und Nachweisen einsetzen; es bedarf allerdings der Zustimmung der Obersten Bauaufsicht. Von diesem Weg haben wir z. B. beim Bau der Neuen Messe in Stuttgart Gebrauch gemacht. Über die genannten Normen hinaus sind natürlich auch die Liefernormen DIN EN 10210 und DIN EN 10219 zu beachten. Für geschraubte Anschlüsse gibt es weitere Sonderbestimmungen bzw. Fachinformationen, die zu berücksichtigen sind.
? Warum ist das Einhalten dieser Normen so wichtig, und welche Auswirkung hat deren Missachtung in der baulichen Praxis?
Die zuvor genannten Bemessungsnormen gelten bis auf wenige Punkte sowohl für warm als auch für kalt hergestellte Hohlprofile. Abweichungen bestehen z. B. in der „Gültigkeit unterschiedlicher Knickspannungslinien“ und beim „Schweißen in kalt verformten Zonen“. Beides bereitet uns in der Praxis Probleme: Wenn an den Ecken der Rechteckhohlprofile die Radien nicht eingehalten werden (das wird durch das r/t-Verhältnis ausgedrückt), darf ohne vorheriges Normalglühen der Rohre in den Ecken eine Länge von 5 x t nicht geschweißt werden. Diese Regelung ist sowohl in DIN 18800 Teil 1 (Element 522) als auch in EC 3 – Teil 1.8, genau angegeben.
? Welche Möglichkeiten bieten sich auf der Baustelle, mögliche Normabweichungen beim Stahlprofileinsatz frühzeitig zu erkennen?
Diese Frage ist schwer zu beantworten. Bei Großprojekten wird bereits bei der Ausschreibung konkret auf Produktspezifikationen und Liefernormen hingewiesen. In der Praxis braucht man dann einen „Dokumentenwühler“, der die Lieferung sorgfältig kontrolliert, sowie eine erfahrene Schweißaufsicht, die die zuvor geschilderte Problematik gut kennt – z. B. das Schweißen in kalt verformten Bereichen. Für diese Aufgaben kann ich Ihnen unsere Absolventen empfehlen; sie kennen die hier angesprochene Problematik sehr gut.

Bild 4. Filigrane Tragkonstruktion der Fußgän- gerbrücke über die Bayerstraße in München. Wo man in statische Grenzbereiche vorstößt, wird die material- und fertigungstechnische Qualität zum entscheidenden Faktor. |
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Bild 5. Stützenfreie Dachkonstruktion aus warm gefertigten MSH-Profilen bei der LTUarena Düsseldorf (Foto Renate Fritsch) |
? In welcher Form machen sie auf solche Anwendungsbestimmungen im Rahmen Ihrer Lehrtätigkeit aufmerksam?
In meiner Vorlesung „Schweißtechnik für Bauingenieure“ werden die Hohlprofilnormen ausführlich behandelt und jeder Student muss im Rahmen einer Studienarbeit einen Knickstabnachweis und einen Knotennachweis führen. Unsere Studenten erhalten die Technischen Informationen Nr. 2 von V & M TUBES und lernen auf dieser technischen Grundlage das Erstellen hohlprofilgerechter Konstruktionen. Dies wird ergänzt durch eine jährliche Vortragsserie von V & M-Mitarbeitern, die über neueste Bauwerke und aktuelle Entwicklungen im Bereich der Hohlprofilkonstruktionen referieren. Die Liefernormen hingegen werden von meinen Kollegen in der Vorlesung „Fertigung, Montage, Kalkulation“ behandelt.
Für ermüdungsbeanspruchte Hohlprofilkonstruktionen werden im Rahmen der Vorlesung „Schweißtechnik“ die Nachweismethoden nach EC 3 Teil 1.9 (Nennspannungsmethode), die „Strukturspannungsmethode“ und die „Kerbspannungsmethode“ vermittelt. Kenntnisse zu jeder dieser Berechnungsmethoden müssen in einer Studienarbeit nachgewiesen werden. Jeder/e Student/in erhält eine eigene Knotenkonfiguration, so dass das Abschreiben entfällt. Viele von unseren Studenten erstellen dann im Labor ihre Diplomarbeiten zu einer der offenen Fragen aus dem Hohlprofilsektor; kombiniert aus Versuch und Berechnung.
? Vergeben sie auch umfassendere Arbeiten zu diesen Themenbereichen?
Von den jährlich abgewickelten Diplomarbeiten im Labor haben etwa 30 Prozent ein Thema aus dem Bereich „Bemessung von Hohlprofilen“ – das sind immerhin vier bis fünf Arbeiten pro Jahr. Und im Fach Stahlbrückenbau wird im 6. oder 7. Semester eine Fußgängerbrücke aus Hohlprofilen entworfen. Das besondere dabei ist, dass neben einigen Detailzeichnungen für die selbst entworfene Brücke fünf bis acht Seiten „Handrechnung“ mitgeliefert werden – statt tonnenschwerer Computerausdrucke. So werden die Studenten in die Lage versetzt, auch ohne Hilfe von Großrechnern zu arbeiten.
Zur Person:
Prof. Dr.-Ing. Ömer Bucak beschäftigte sich erstmals während seiner Tätigkeit an der Universität Karlsruhe intensiv mit Stahlbau-Hohlprofilen. Unter der Leitung von Prof. Mang führte er mehrere Forschungsprogramme zur Berechnung von Hohlprofil-Konstruktionen durch, die in die Herausgabe der Norm DIN 18808 „Hohlprofile im Stahlbau“ mündeten.
Bucaks aktuelle Professur an der Fachhochschule München umfasst die Fächer Stahlbau, Metallkunde, Stahlbrückenbau und Schweißtechnik. Er leitet darüber hinaus das an der FH ansässige Labor für Stahl- und Leichtmetallbau. Diese vom DIBt anerkannte Prüf- und Zertifizierungsstelle beschäftigt sich als Auftragspartner von Industrie, Behörden, öffentlichen Einrichtungen und Privatpersonen mit der Prüfung, Überwachung und Begutachtung von Baustoffen, Bauteilen und Bauwerken. Darüber hinaus ist Prof. Ömer Bucak Mitglied in zahlreichen nationalen und internationalen Gremien des Stahl- und Glasbaus.
Derzeit bearbeitet Prof. Bucak mit seinem Team zwei Forschungsprogramme aus dem Bereich Hohlprofil-Konstruktionen. Eines davon ist betitelt „In Beton eingespannte Stahlstützen“ und wird durch Vallourec & Mannesmann und CIDECT gefördert. Das zweite beschäftigt sich mit dem Ermüdungsverhalten von Stahl-Stahlgussscheißungen und Konstruktionen aus hochfesten Stahlrohren – hier kooperiert das Labor der FH München mit der Universität Karlsruhe.
Weitere Informationen: Labor für Stahl- und Leichtmetallbau FH München Karlstraße 6 80333 München Tel.: 089 / 1265-2611 E-Mail: laborsl@bau.fhm.edu Internet: www.bau.fhm.edu
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